Hochschul- und Wissenschaftsstandort Sachsen 2030 – Auf dem Weg zur europäischen Exzellenz

Aus Positionen der FDP Sachsen
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Beschluss des 36. Landesparteitages der FDP Sachsen, Plauen, 16. April 2011

Die sächsische Hochschullandschaft verfügt über eine 600 Jahre lange Tradition. Sie hat herausragende Wissenschaftler, darunter zwei Nobelpreisträger, hervorgebracht. Die Hochschulen haben dazu beigetragen, dass der Freistaat Sachsen ein Ort für ausgezeichnete Forschung und Lehre geworden ist. Diese Jahrhunderte alte Tradition birgt Potential für Exzellenz sowie für die Sicherung des Wohlstandes in Sachsen.

Wir befinden uns in einem immer härter geführten globalen Wettbewerb um die besten wissenschaftlichen Köpfe und Studenten. Das Wissen von heute kennt keine Grenzen mehr. Sachsens Hochschulen und wissenschaftliche Einrichtungen stellen sich diesem Wettbewerb. Ihr Renommee und die Ergebnisse der sächsischen Spitzenforschung machen sie bereits heute über die Landesgrenzen hinaus bekannt.

Die Herausforderungen der Zukunft verlangen jedoch, bereits jetzt neue Wege einzuschlagen. Die negative demographische Entwicklung, rückläufige staatliche Mittel von Bund und Europäischer Union oder auch der intensive internationale Wettbewerb um die besten Forscher bleiben nicht ohne Auswirkungen auf den Hochschulstandort Sachsen. Hinzu kommt der beschlossene Stellenabbauplan auf 70.000 Landesbeschäftigte bis zum Jahr 2020. Deshalb sind bei der weiteren Hochschulentwicklung neue, innovative Ansätze erforderlich.

Wir wollen Sachsen langfristig als führenden Hochschul- und Wissenschaftsstandort in Europa etablieren. Wir wollen ein sächsisches Hochschulsystem, das effiziente und flexible Strukturen aufweist und das in der Lage ist, neue Zielgruppen zu erschließen. Synergien und Kooperationen sind auszubauen und weiterzuentwickeln. Nur so können die Hochschulen auf die Herausforderungen der Zukunft angemessen reagieren.

Die Vorstellungen des Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst unter Staatsministerin Prof. Dr. Freifrau von Schorlemer, Sachsen in Wissenschaftsräume zu unterteilen, lehnen wir konsequent ab.

„Universität Sachsen“ – Sächsische Wissenschaft international vermarkten

Nach dem Vorbild der „University of California“ haben wir langfristig die Vorstellung einer „Universität Sachsen“. Mit ihren eigenständigen Standorten, die jedoch unterschiedliche Profile, Ausrichtungen und Strategien besitzen, wird sie das Modell des sächsischen Wissenschafts- und Forschungsstandortes der Zukunft sein. In vielen Bereichen lassen sich dabei Verwaltungseinheiten zusammenlegen und Ausbildungen abstimmen, um dadurch Synergieeffekte zu erzielen. Warum muss jede Einrichtung ein separates Prüfungsamt haben? Weshalb wird der Bachelor-Studiengang Betriebswirtschaftslehre an zwei Einrichtungen in nicht allzu weiter Entfernung angeboten? Kooperationsansätze würden sich bereits aus der Organisation und der Struktur heraus ergeben. Beispielsweise ist die Nutzung eines Großlabors von mehreren Einrichtungen ohne weiteres vorstellbar. Die „Universität Sachsen“ ist, unter Wahrung der speziellen Traditionen eines jeden Standortes, ein Modell eines effizienten und flexiblen sächsischen Hochschulsystems. Wir verstehen diese Vision nicht als Einheitsuniversität, sondern als einen Universitäts- und Hochschulverbund.

Mit diesem lässt sich das öffentliche Hochschulwesen im Freistaat Sachsen als innovatives Angebot vermarkten, ohne die besonderen regionalen Anforderungen an die Hochschulstandorte zu vernachlässigen und die akademischen Traditionen der jeweiligen Standorte zu verlieren. Jeder einzelne derzeitige Standort trägt wesentlich zur Attraktivität der entsprechenden Region bei. Eine komplette Schließung würde Regionen schwächen und die Gewinnung von regionalem Fachkräftenachwuchs erschweren. Dennoch muss auf das zurückgehende Studentenpotenzial reagiert werden. Nur durch mehr Kooperation und neue Bildungsangebote an Zielgruppen außerhalb der klassischen Präsenzstudenten wird eine Hochschulausbildung auch zukünftig in vielen Regionen des Freistaates möglich sein.

Ob eine Hochschule die Bezeichnung Fachhochschule oder Universität trägt, ist für die regionale Entwicklung unerheblich. Wichtig ist, dass sie vielerorts in Sachsen vorhanden sind und die Ausbildung der Fach- und Führungskräfte von morgen sichern. Darüber hinaus sprechen die kurzen Wege im Freistaat Sachsen, die guten Verkehrsanbindungen sowie der Ausbau des Datenbreitbandnetzes für die Verwirklichung einer solchen Vision.

Aus unserer Sicht muss über die bisherige Differenzierung zwischen Universitäten und Fachhochschulen neu nachgedacht werden. Nach der Umsetzung des Bologna- Prozesses und der damit einhergehenden Umstellung auf die Bachelor- und Masterabschlüsse machen sich die Unterschiede bereits heute nicht mehr am Abschluss fest. Künftig werden sich diese an der Qualität der Lehre, an den Forschungsergebnissen, an der Reputation der Dozenten und Professoren sowie an den individuellen Berufsaussichten der Studierenden festmachen. Diese Veränderungen machen die althergebrachte strikte Unterscheidung der beiden Hochschultypen überflüssig.

Bevor ein neues Hochschulleitbild Wirklichkeit wird, müssen wir im Freistaat Sachsen noch zahlreiche Hausaufgaben machen. Wir brauchen keine bürokratische, planwirtschaftliche Strukturreform, sondern eine echte, praxisorientierte und gelebte Reform unserer Hochschullandschaft. Sie soll die exzellente Lehre und Forschung übergreifend zwischen Universitäten und Fachhochschulen stärken. Es ist an der Zeit, die Potentiale beider Strukturen zu vereinen und auch die außeruniversitären Forschungseinrichtungen in diesem Prozess stärker zu integrieren. Alle Beteiligten haben sich in den kommenden Jahren aufeinander zuzubewegen. Sie müssen neue Ideen entwickeln, Entwicklungs- und Profilierungsstrategien schaffen, Partnerschaften schließen und Kooperationen aufbauen. Jede einzelne Hochschule, ob Universität oder Fachhochschule, muss ihr Profil schärfen, um als autonomer Standort zum Gesamterfolg der „Universität Sachsen“ beitragen zu können.

Der Student entscheidet, ob er eine theoretische oder eine wirtschaftsnahe Ausbildung genießen möchte. Die Studierenden sind es auch, die ganz wesentlich den Ruf ihrer Hochschule mitbestimmen. Denn sie tragen ihn in die Welt hinaus. Auch deshalb muss das zukünftige Konzept der sächsischen Wissenschaftslandschaft vielmehr die bestehenden Realitäten und Wünsche der Studierenden berücksichtigen. Gerade die Berufsakademie Sachsen und die sächsischen Fachhochschulen haben in jüngster Zeit an Stärke gewonnen. Das drückt sich in ihren stetig gestiegenen Studierendenzahlen aus. Deshalb muss in erster Linie die Attraktivität von Studiengängen weiter gesteigert werden. Auf welche Weise dies geschieht, muss den Hochschulen selbst überlassen sein. Nur über eine Verbesserung des Angebotes lässt sich die Nachfrage und damit der Ruf verbessern.

Um die Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen, brauchen die sächsischen Hochschulen mehr Freiheiten. Nur so können sie ihr Profil stärken und weiterentwickeln. Dazu benötigen sie auch neue strukturelle und finanzielle Voraussetzungen. Attraktive Studienangebote müssen mit attraktiven Studienbedingungen verbunden sein. Kleine Lern- und Arbeitsgruppen, gute Betreuung der Studenten und ausreichende Sachausstattungen schaffen interessante Studien- und Forschungsbedingungen. Auch Kooperationen mit Unternehmen und Forschungseinrichtungen tragen zur weiteren Verbesserung der Bedingungen bei. Dabei sollte sich der Staat lediglich auf seine Aufgabe als Rechts- und Fachaufsicht konzentrieren. Durch weniger Bürokratie sollen unsere Hochschulen attraktiver werden.

Die Fachhochschulen sind bereits heute die Motoren der regionalen Wirtschaft. Mit ihrer anwendungsorientierten Forschung und Lehre bilden sie die Fachkräfte der lokalen Unternehmen aus und stehen ihnen als Partner in Fragen der Forschung und Entwicklung zur Verfügung. Diese Stärke muss weiter ausgebaut werden. Anwendungsorientierte Forschung ist Wissenstransfer in Praxis. In vielen Bereichen sind bereits heute die Forschungsleistungen an Fachhochschulen beachtlich und sie brauchen den Vergleich mit den Universitäten nicht scheuen. Eine Übertragung des Promotionsrechtes auch auf die Fachhochschulen ist deshalb längst überfällig. Eine solche aus der Vergangenheit stammende Regelung des Promotionsrechtes, nach der Promotionen nur an Universitäten betreut werden dürfen, ist längst überholt.

Die sächsischen Universitäten müssen dagegen in ihren speziellen Rollen als Volluniversitäten bzw. Technischen Universitäten auf den internationalen Wettbewerb vorbereitet werden. Eine Aufgabe dabei ist, sich für internationale Studenten und Dozenten zu öffnen. International ausgerichtete Studienangebote und Forschungsprojekte erhöhen neben der Reputation auch die Attraktivität der Region für ausländische Fachkräfte. Neben der anwendungsorientierten Forschung muss auch die Grundlagenforschung gestärkt werden. Nur so können die Universitäten im Wettbewerb um die besten Köpfe bestehen.

Um ihr ganz spezifisches Profil schärfen zu können, braucht es engagierte Hochschullehrer genauso wie interessante Studienangebote und -bedingungen. Kurz: Es braucht spezifische Leuchttürme für Fachhochschulen und Universitäten. Wie dies erreicht wird, kann jedoch nur den Hochschulen selbst überlassen werden. Auf der Grundlage von konkreten Zielvereinbarungen erstellen sie jeweils eigene Strategie- und Entwicklungsplanungen. Die Autonomie bei der Verwendung der über ein Globalbudget zugewiesenen Mittel muss ebenso Realität werden, wie die eigenverantwortliche Entscheidungskompetenz bei Personal- und Organisationsangelegenheiten.

Mehr Freiheit, um Spitze zu sein – Exzellenz zulassen

In diesem Zusammenhang ist es unausweichlich, dass die Dienstherreneigenschaft auf die Hochschulen übergehen muss. Nur so erhalten Hochschulen auch notwendige Gestaltungsspielräume, um flexible Vergütungen und Leistungsanreize mit den Angestellten der Hochschulen vereinbaren zu können. Das bisherige starre Vergütungssystem verhindert, dass herausragenden Professoren oder Forschern eine attraktive Perspektive im Freistaat Sachsen geboten wird. Die eigenständige Verhandlung der Vergütung kann diese Perspektive schaffen. Auch die Verteilung der Arbeitszeit auf Forschung und Lehre entscheidet die Hochschule. Wir wollen, dass die Hochschulen künftig auch Professoren ausschließlich zur Forschung an sich binden dürfen. Herausragenden Forschern müssen wir auch an sächsischen Hochschulen ein interessantes Betätigungsfeld schaffen.

Die bisher bekannte staatliche Grundfinanzierung muss gesichert werden. Allerdings sollten künftig stärker Leistungs- und Erfolgskomponenten, wie beispielsweise Rankingverbesserungen, steigende Studierendenzahlen, höhere Promotionsquoten, mehr angemeldete Patente oder gestiegene Veröffentlichungszahlen in die Verhandlungen zu den Zielvereinbarungen und damit in die staatliche Mittelzuweisung einfließen. Kurz: Wenn sich bestimmte Qualitätsmerkmale an den Hochschulen ändern, müssen sich die staatlichen Zuwendungen daran ausgerichtet ebenfalls verändern. Nur so können gezielt Anreizwirkungen geschaffen werden. Die Entscheidung über die Einführung von Studienbeiträgen muss ebenfalls bei der Hochschule selbst liegen. Darüber hinaus ist es sinnvoll, wenn es künftig den Hochschulen leichter möglich wäre, eigene Unternehmen zu gründen oder sich an Ausgründungen zu beteiligen, sofern ein wissenschaftlicher Anknüpfungspunkt dafür vorhanden ist. Auch die Möglichkeiten für Sponsoring und eine verbesserte Einwerbung von Drittmitteln, als ergänzende Finanzierungselemente, müssen deutlich verbessert werden. Dazu ist die Vernetzung von Wissenschaft, Forschung, Technologie und Wirtschaft zeitnah voranzutreiben. Das ist unser klares Ziel. Allerdings ist es nötig, dass dies durch die Akteure selbst geschieht. Eine staatlich verordnete Vernetzung und Kooperation kann nicht der richtige Ansatz sein.

Der Staat vermag nur die Rahmenbedingungen für Innovationen zu schaffen, die Forschungsleistung und der Wissenstransfer kommen aus den Hochschulen oder außeruniversitären Forschungseinrichtungen selbst. Wesentliche Voraussetzung für neue Entwicklungen ist neben der Exzellenz die Freiheit in Forschung und Technologie. Ein innovationsfreundliches Klima kann nur entstehen, wenn die Regulierungen stetig abgebaut werden.

Offenheit für neue Formen in der Lehre – neue Wege in der Wissensgesellschaft gehen

Seit der Umstellung der Studienabschlüsse auf Bachelor und Master kritisieren viele Studenten, dass sich die Studienbedingungen verschlechtert haben. Die Präsenzzeiten wären enorm in die Höhe geschnellt, der Studienalltag verschult, die zeitlichen Möglichkeiten für Nebenjob und Praktika knapp und die internationale Mobilität eingeschränkt. Die Umsetzung dieses Veränderungsprozesses muss nun verantwortungsvoll überprüft werden. Bei Bedarf sind entsprechende Maßnahmen einzuleiten, um die Reform endgültig zum Erfolg zu führen. Dabei ist darauf zu achten, die Studienabbrecherquoten zu reduzieren, die Prüfungsbelastung je nach Studienrichtung angemessen zu gestalten und die Annerkennung von Studienleistungen sicherzustellen.

Die sächsischen Hochschulen der Zukunft müssen jedoch auch in der Lehre neue Wege gehen. Sie bedürfen dazu noch nicht einmal der ständigen Anwesenheit ihrer Studenten. Neue Formen der Wissensvermittlung, mittels E-Learning oder Livestream, sind bei weitem keine Zukunftsmusik mehr. Schon heute ist es jedem Studenten möglich, einer Vorlesung einer amerikanischen Spitzenuniversität im Internet zu folgen. Diese neuen Formen der Lehre sollten vermehrt genutzt werden und Einzug in den Studienalltag halten. Eine Steigerung der Attraktivität insbesondere für die Studenten ist damit direkt verbunden und es ließen sich indirekt neue Betätigungsfelder für die sächsischen Einrichtungen selbst erschließen. Sie tragen daher zur verbesserten Vereinbarkeit von Familie und Beruf bei und eröffnen Möglichkeiten für Teilzeitstudiengänge.

Lebenslanges Lernen – die Wissensgesellschaft leben

Die Öffnung der Hochschulen für Weiterbildungsangebote, auch räumlich fern des Hochschulstandortes, muss in den nächsten Jahren ganz konkret vorangetrieben werden. Das lebenslange Lernen wird nicht nur für Hochschulabsolventen immer wichtiger. Akademische Zusatzqualifikationen werden auch für den beruflichen Aufstieg immer bedeutsamer. Auf diese gesellschaftliche Entwicklung, auf die Herausforderung, auch im Wettbewerb mit anderen Industrienationen zu bestehen, müssen die Hochschulen reagieren und entsprechende Angebote entwickeln und anbieten. Die Hochschule der Zukunft bietet alles, vom Voll- und Teilzeitstudiengang über den Fernstudiengang bis hin zum zertifizierten Weiterbildungsstudiengang. Die Adaption der Lehrinhalte ist für erfahrene Dozenten ein Leichtes. Die damit verbundenen auch finanziellen Potentiale müssen dringend gehoben werden.

Die Notwendigkeit, sich ein Leben lang weiter zu qualifizieren bzw. weiter zu entwickeln, haben bereits heute viele erkannt. Diese Erkenntnis gilt auch für die Hochschulen. Veränderungen sind notwendig, um den bildungssystematischen, internationalen und finanziellen Herausforderungen im Jahr 2030 gerecht zu werden.

Deshalb werden sich die sächsischen Hochschulen auf den Weg machen müssen – auf den Weg zur europäischen Exzellenz.